Im Reich des Dschingis Kahn Ep.1

1:00 Uhr nachts. Laute Stimmen und das Klirren von fallendem Werkzeug auf Asphalt lässt mich aufschrecken. Da wird doch nicht einer versuchen unser Fahrzeug zu …. Aber nein, ein kurzer Blick nach draußen schafft Klarheit und enttäuscht meine typisch deutschen negativen Erwartungen.  Am Nachbarauto wird aufgeregt geschraubt, und Taschenlampenlicht durchbricht die tiefdunkle Nacht. Ich erkenne, dass der Van hinten links einen Platten hat. Mir wird sofort klar, dass die Männer es nicht ohne Hilfe schaffen werden den Reifen von der Felge zu bekommen und zu flicken.    Ich schmeiße mich umgehend in meine Arbeitsklamotten, schnalle mir die Stirnlampe um und bin draußen. Mit ,,Hand und Fuß“ verständigen wir uns darauf den Reifen mit unserem Lkw „abzumontieren“, indem wir einfach mit einem Rad auf den kaputten Reifen fahren und ihn somit von der Felge bekommen. Ein Ersatzreifen wird aus den unzähligen Koffern, Taschen und ähnlichen Mitbringseln des kasachischen Vans hervorgekramt, im Handumdrehen montiert und mit Hilfe unserer Druckluftanlage aufgeblasen. Überglücklich beenden wir die Aktion keine Stunde später. Erleichtert gehen alle zurück in Ihre Fahrzeuge und auch ich lege mich mit einem Grinsen ins Bett.

Endlich konnte ich Hilfe zurück geben die wir seit Beginn unserer Reise immer wieder selbst erfahren durften.

Die ersten Sonnenstrahlen durchfluten unsere Kabine und sogleich läutet der Wecker. Von draußen ist geschäftiges Treiben zu vernehmen. In uns steigt sofort die Aufregung hoch. Kaum 30 Minuten und einen Kaffee später öffnen sich die Grenztore und wir werden heran gewunken. Die Ausreiseformalitäten sind recht schnell erledigt. Aneta scherzt mit den russischen Zollbeamten. Und im Nu sind wir unterwegs im Niemandsland auf dem Weg zur mongolischen Grenze. Der Asphalt endet sogleich und wir bekommen eine kleine Ahnung von dem was uns bisher nur erzählt wurde. Es geht vorbei an kleinen Hügeln und die ersten Murmeltiere heißen uns willkommen.

Grenzabfertigung
Niemandsland Russland-Mongolei
Murmeltier

Der mongolische Grenzposten erscheint vor uns. Ein für uns Europäer ungewohntes Bild verstört uns direkt. In der Warteschlange aus PKWs und LKWs wird gedrängelt und überholt so gut es geht. Jeder versucht möglichst der Erste am Schlagbaum zu sein. Ein Grenzbeamter schafft Ordnung und nach gut vier Stunden sind auch wir an der Reihe und kurze Zeit später „Mongolen auf Zeit“.

Grenzchaos an der mongolischen Grenze
MONGOLEI

Was für ein Gefühl! Wir sind total erschlagen von unseren Emotionen. Die Mongolei war unser erstes großes Ziel. Knapp 10.000km weit entfernt von Zuhause. Vor noch nicht mal sechs Monaten war die Kabine unseres Sundancers innen noch „nackt“. Jetzt parken wir tatsächlich wenige Kilometer nach der Grenze an einem der unzähligen Seen. Wir  ziehen ein kaltes Bier aus dem Kühlschrank und setzen uns überwältigt und ergriffen ins Steppengras. 

Am anderen Ufer sehen wir zum ersten Mal im Leben echte mongolische Jurten und Yaks grasen. Zwei Kinder treiben auf einem Esel reitend ein paar Kälber an uns vorbei. Passiert das gerade wirklich? Wie kann sich die Welt innerhalb so weniger Kilometer so stark verändern!?

Erstmal setzen lassen…

Immer wieder haben wir in den unterschiedlichen Reiseberichten von der unglaublichen Weite des Landes gelesen, und erfahren sie nun selbst auf unserem Weg zur Stadt Ölgii. 

Skelette am Pistenrand begrüßen uns und geben einen gruseligen Eindruck. Ein kurzer kalter Schauer läuft einem da über den Rücken und es wir sofort klar, wenn die Karre jetzt kaputt geht bist du der einsamste Mensch auf Gottes weiter Erde.

Die letzten Kilometer Asphalt

 

Angekommen in Ölgii versuchen wir sofort Kontakt zur „vernetzten Welt“ zu bekommen, doch alle Mobilfunkläden haben bereits geschlossen und wir setzen ohne SIM Karte unsere Reise fort. Wen sollten wir auch kontaktieren im Falle einer Panne? Die beiden Jungs auf dem Esel?

Unseren ersten Nachtplatz finden wir an einem See. Es dämmert bereits und wir können die Schönheit der Umgebung nur erahnen. Erst am nächsten Morgen ist uns beiden sofort klar, dass wir hier so schnell nicht weg wollen. Wir lassen zum ersten Mal unsere Seelen baumeln, gehen Angeln und erfreuen uns an der atemberaubenden Kulisse. Abends ziehen Wolken von Mücken über die Ufer des Sees und wir sichern uns gegen die circa dreimal so großen Plagegeister, als wir sie kennen, ab.

Endlich wieder Angeln
Mongolian Osman

Riesige Mücken

Drei Tage später setzen wir unsere Reise Richtung Süden fort. Es geht durch saftig grüne Täler, vorbei an steilen rot-braunen Gebirgen. Als wir einen hohen Pass mit 3000m überqueren erblicken wir eine riesige Blumenweide und genießen den Anblick mit einem Kaffee in der Hand. Auf dem Weg treffen wir auf eine Gruppe Reisender, ein Expeditionstruck und zwei Wohnmobile von denen eines ungewöhnlich kreativ gebaut ist. Die Gruppe befindet sich auf dem Weg durch die Mongolei in Richtung China. Wir sind uns uneins, ob die beiden Wohnmobile dem Terrain gewachsen sind. Später sollen wir jedoch erfahren, dass die beiden es gut nach China geschafft haben.

Ein Häuschen auf Rädern

In der Stadt Khovt finden wir einen Mobilfunkladen und werden nach dem Einlegen der SIM Karten überflutet von Nachrichten. Fluch und Segen könnte man meinen. Dennoch sind wir etwas erleichtert wieder Bescheid geben zu können, dass es uns gut geht und wir noch nicht am Wegesrand in der Steppensonne dahindörren.

Dörrfisch

Ganz oben auf unserem Reiseplan steht der Besuch der berühmten Sanddüne Mongol Els. Gelegen am Rande des Dorgon Nuur Sees im Herzen der Mongolei. Gespannt und müde parken wir unser Gefährt an einem Fluss an dem der Track beginnt, welcher uns zur Düne führen soll.

Einer unserer zahllosen schönen Übernachtungsplätzen

Der Tag begrüßt uns mit lachendem Sonnenschein. Ob er mit oder über uns lacht, da sind wir uns noch nicht sicher. Vor uns wartet unser erstes „vernünftiges“ Offroad-Abenteuer. Der 128 Kilometer lange Track zur Düne unserer Träume führt durch ein weites Flusstal hinauf zu einen Pass über ein Gebirge durch menschenleeres Gebiet und wieder hinab bis zum Rand der Düne. Vorbei an Tierkadavern, schamanischen Ovoo’s und durch Bäche geht es zur ersten Wellblechpiste.

Nach zwei Kilometern müssen wir Luft ablassen, um die starken Vibrationen etwas zu dämpfen. Erst ab 60km/h beruhigen sich die Schwingungen und unsere Reifen streifen nur noch die Spitzen der Wellen. Wer zum ersten Mal Wellblech fährt kann unser Gefühl gut nachvollziehen. Auf dem Weg stoppen wir mehrmals um so manche Schraube zu kontrollieren oder die Ladung zu sichern. Aber auch um Aufnahmen der atemberaubenden Umgebung zu machen. Die scheinbar gottverlassene Gegend ist wunderschön und angsteinflössend zugleich.

Greifvögel sind allgegenwärtig
…deren Beute auch…
An einem Ovoo bitten wir um Segen für die Weiterfahrt

Unendliche Weiten
Ein verlorener Punkt im Nirgendwo am Ende der Welt

Am Horizont erscheint verschwommen der See und die Silhouette der Düne. Gegen Abend erreichen wir endlich unseren Nachtplatz an der Mongol Els  und werden für die ruppige Fahrt mit einem tollen Sonnenuntergang belohnt.

Mehrmals durchqueren wir ausgetrocknete Flussbetten
Endlich ist das Ziel in Sicht

Hier bleiben wir mehrere Tage. Das ist uns beiden sofort klar. Zum ersten Mal im Leben wandere, laufe und rolle ich barfuß über den herrlich warmen Dünensand. Wir sitzen im Sonnenuntergang auf den Spitzen der warmen Sandhaufen. Die Stille hier ist unglaublich. Man kann sein eigenes Blut rauschen hören, während schneeweiße Kumuluswolken über einen hinweg ziehen und der See mit kleinen sanften Wellen den Sand wegspült.

Im Weichsand festgefahren, jetzt heißt es Luft ablassen und weiter gehts
Mit dem selbstgebauten Fernreisemobil in der Wüste zu stehen hat schon was…
Die Mongol Els
Gemeinsam einsam -herrlich!
Allgegenwärtig…

Nomadlife
Wüstenblume

Nach dem warmen Wüstenregen

Hier feiere ich meinen 39. Geburtstag. Welche Ehre. Ich beschenke mich selbst mit einer langen Wanderung durch die Wüste. Während Aneta heimlich einen Geburtstagskuchen bäckt. Bei meiner Rückkehr bin ich fassungslos und gerührt. Schokokuchen im Nirgendwo. Dass ich das noch erleben darf.

 

„Life is good“ und „Wer einmal in die Wüste geht und wiederkehrt, ist nicht mehr derselbe“

3 Gedanken zu „Im Reich des Dschingis Kahn Ep.1“

  1. Liebe Aneta, lieber Christian,
    wir verfolgen eifersüchtig eure wunderbare und abenteuerliche Reise ans Ende der Welt und weiter……. Wir sind dieses Jahr zum ersten Mal auch auf eine kleine “Weltreise” gegangen: Wir setzten von Bari aus auf den Peloponnes über, umrundeten ihn und fuhren bereits nordwärts, als wir Heinz und Ulla dann doch noch an den Osten Griechenlands folgten. Wir hatten mit ihnen die schönste gemeinsame Woche erlebt. Dann ging es zurück an die Westküste und über Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Slowenien und Österreich zurück nach Regensburg – insgesamt auf den Tag genau 3 Monate. Wir fanden uns schon “mutig”! Aber nicht zu vergleichen mit euch!!!
    Wünschen euch weiterhin viel Glück und Gesundheit, immer ein fahrbereites Fahrzeug und Gottes Segen . Deine Tante Rosmarie mit Helmut

  2. Unglaubliche Bilder und unfassbar gut geschrieben. Man kann sich direkt hineinfühlen und bekommt Gänsehaut. Ich freu mich so sehr für euch beide und eure Erfahrungen und Eindrücke. Diese Zeit kann euch niemand mehr nehmen. Genießt jede Sekunde. Ich vermisse euch. Hab euch lieb

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.